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Restflächen mit viel Potential für soziale Interaktion

Seit einiger Zeit ist "Dichte" das Thema der Stadtentwicklung. Meistens wird damit bauliche Dichte gemeint, also mehr verbauter Raum, höhere Bauten, mehr Nutzfläche. Dabei geht es meistens um rein ökonomische Interessen. Je mehr ich auf einem Grundstück bauen kann, umso mehr Fläche kann ich vermieten und umso höher ist die Rendite auf demselben Grundstück. Es scheint, dass damit die aktuellen Verdichtungsprojekte nur denen dienen, welche Boden besitzen. Eine nachhaltige Verdichtung muss aber neben den ökonomischen Zielen auch die ökologischen und sozialen Aspekte berücksichtigen. Wie wird das erreicht?

Höhere Nutzungsdichte schaffen

Eine bauliche Verdichtung sollte auch zu einer höheren Nutzungsdichte führen. Unter Nutzungsdichte verstehen wir die Dichte von verschiedenen Nutzungen auf einem Areal. Das Ziel muss sein, eine Vielfalt von verschiedenen Nutzungen zu haben, die sich gegenseitig fördern. Mononutzungen sind abzulehnen, da sie die Zersiedelung, den Verkehr und die soziale Isolation fördern. Eine Mischung verschiedener Nutzungen ermöglicht es den Bewohnern und Arbeiterinnen am selben Ort zu wohnen, arbeiten, einzukaufen und ihre Freizeit zu verbringen. Es entsteht weniger Pendlerverkehr.

Hybride Bauten schaffen

Unterschiedliche Nutzungen haben unterschiedliche Bedürfnisse. In einem Gebäude gibt es besser und weniger gut belichtete Bereiche, solche mit besserer Aussicht und solche, die betreffend Lärm und Publikum mehr exponiert sind. Werden unterschiedliche Nutzungen in einem hybriden Gebäude vereint, hat man verschiedene Bedürfnisse (zB. Öffentlichkeit vs. Privatheit) und kann damit besser auf die unterschiedlichen Bedingungen reagieren.

Über die Bewohnerdichte reden

In den 1960er Jahren hatte die Stadt Bern über 160'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Heute sind es trotz starker Bautätigkeit und Neubaugebieten im Westen und Osten der Stadt nur 139'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Das heisst, trotz mehr Nutzfläche gibt es weniger Bewohner und Bewohnerinnen. Gründe sind die gestiegenen Ansprüche und die Zunahme an Einzelpersonenhaushalten. Wo früher 3 Personen in einer 3-Zimmer-Wohnung auf 75m2 lebten, sind es heute 1 - 2 Personen.

In den letzten Jahren entstanden allerorts Ersatzneubauten bestehender Siedlungen oder es wurde der Bestand massiv umgebaut. Beim Wohnungsbau entstanden dabei in der Regel (vgl. zB. Fröschmattweg Bern, Grünau Zürich) Wohnbauten mit grösseren Wohnungen als bisher. Verfügte eine 3-Zimmer-Wohnung vor dem Umbau bzw. Abbruch und Neubau über 75m2, sind es heute 90m2 bei gleicher Belegungszahl. Das bedeutet, um die gleiche Bewohnerzahl wie vor dem Abbruch zu erreichen, muss mehr Raum überbaut werden. Es wird nicht mehr Wohnraum für mehr Menschen geschaffen, sondern mehr Wohnfläche für weniger Menschen, was nicht im Sinne eines haushälterischen Umgangs mit dem Boden sein kann.

Soziale Dichte fördern

Die Bewohnerdichte hat Einfluss auf die Soziale Dichte der Stadt. Unter Sozialer Dichte verstehen wir das Mass der Vielfalt sozialer Lebensformen und sozialem Austausches. Wo dichter gewohnt wird, ist die Vielzahl der Lebensformen grösser. Mehr Menschen bedeutet auch mehr Kontaktmöglichkeiten, aber auch mehr Konfliktpotential. Hohe Bevölkerungsdichte benötigt einen anderen Umgang mit Freiräumen, öffentlichen und privaten Räumen. Ein besonderes Augenmerk ist in diesem Zusammenhang auf die Zwischenräume, Leerflächen und die Übergangsbereiche zwischen öffentlichen und privaten Raum zu richten.

Ungeplantes zulassen

Gerade in einer dicht bebauten Stadt ist es wichtig, Räume zu haben, die von niemandem und keiner spezifischen Nutzung permanent angeeignet werden, sondern das Potential haben, spontane und wechselnde Nutzungen aufzunehmen. Freiflächen schaffen Potentiale. Gerade diese ungeplanten Orte sind Orte des Austausches. An ungeplanten Orten gibt es ungeplante Begegnungen. Diese Orte sind damit Orte des sozialen und Lernens. Das Gegenteil sind Orte, die in ihrer Gestaltung und Nutzung für eine bestimmte Klientel geplant sind.

Kosten und Einnahmen vergleichen

Bei verdichteter Bauweise spart man im Vergleich zu lockerer Bebauung an Erschliessungskosten (Strassen, Leitungen, ÖV). Höhere Bewohnerdichten erlauben zudem die bessere Auslastung bestehender Infrastruktur, Nutzungsdichten führen zu einer besseren Verteilung der Verkehrsströme über den ganzen Tag.

Die Stadt Luzern erfasste die Steuererträge pro Hektar. Dabei stellte sich heraus, dass im dicht bebauten Quartier um die Basel- und Bernstrasse die Steuereinnahmen höher waren, als in anderen Quartieren, obwohl an diesen Strassen eher ärmere Menschen wohnen. Dank der hohen Dichte kamen aber doch mehr Einnahmen zusammen, als an besseren Lagen mit geringer Bewohnerdichte. Eine Stadt saniert also ihre Finanzen nicht, indem sie nur Wohnungen für ein vermögendes Klientel baut.

Partizipative Prozesse als Machtmittel

Mitwirkung wird von den Behörden oft eingesetzt, um bereits bestehende Planungen zu legitimieren und abzusichern. Die betroffene Bevölkerung kann noch aus bestimmten, bereits vorgegebenen Varianten auswählen. Diese Art der Partizipation festigt bestehende (Macht-)Strukturen. Wirkliche Mitwirkung funktioniert aber nur, wo alle die gleichen Möglichkeiten der Mitbestimmung haben.

Die oben geschilderten Prozesse funktionieren nur, wenn diese breit abgestützt sind und zwar vor allem bei den Betroffenen. Denn es ist deren Lebenswelt, welche beplant wird. Sie sind Experten ihres Alltags, sie kennen ihr Wohnumfeld und wissen um dessen Probleme, Potentiale und Qualitäten. Partizipation heisst dabei aber auch, sich auf andere Sichtweisen einzulassen und vor allem auch: andere Resultate zuzulassen. Damit verschiebt sich die Macht von den planenden Behörden und Investoren zur Bevölkerung. Macht bzw. die Planungshoheit muss dabei an die Bevölkerung abgegeben werden.

 

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